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ic-db_action_calender_32 19. September 2024, 16:49 Uhr

Oberleitungsarbeiten Tutzing–Kochel

Extremwetterlagen haben langfristige Auswirkungen - auch auf Bahn-Bauarbeiten

Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (1881) hat Bayern mit 2023 ein Rekordjahr der Temperaturen hinter sich. Von 38,8° in Mittelfranken bis -18,9° in Niederbayern wurden hier die bundesweit höchsten sowie niedrigsten Temperaturen gemessen. Auch in der Region Tutzing – Kochel kletterte das Thermometer in den Monaten Juni, Juli und August regelmäßig über die 30° Marke. Der mitunter schlimmste Tag für die Region war der 26. August, wo tennisballgroße Hagelkörner schwerste Schäden an Gebäuden und Fahrzeugen anrichteten. Wildtiere, die sich gegen 16 Uhr auf den Feldern aufhielten, hatten gegen diese Naturgewalten keine Chance. Vor allem viele der um Bichl und Kochel ansässigen Störche wurden schwerstverletzt oder starben im Hagel.

Was für immense Herausforderungen das Jahr für das Projektteam der fast 35 Kilometer langen Strecke mit rund 600 Oberleitungsmasten samt Fahrdraht bedeutet hat – kann man den folgenden Bildern entnehmen.

Foto: DB AG / DB InfraGO
Verschiedene Verbindungen von Oberleitungen und Oberleitungsmasten.

Aus sehr alt mach neu

Foto: DB InfraGO AG
Störanfällige, alte Masten der Oberleitungen.

Die Oberleitung zwischen Tutzing und Kochel stammt in Teilen ursprünglich aus den 1930er-Jahren und ist mit der Zeit störanfällig geworden (siehe Mast unten rechts im Bild). Daher erneuerte die DB die komplette Oberleitungsanlage einschließlich des Fahrdrahts auf der 35 Kilometer langen Strecke. Was bedeutet dies konkret? Die Bauarbeiten beinhalten vor allem den Rückbau der Altanlage sowie die Gründung der neuen Maste, sowie die Wiederherstellung der Aufhängung und des Fahrdrahts. Vor allem die Bodenbeschaffenheiten in der Region sind herausfordernd, da es ich in weiten Teilen um Moorgebiet handelt, welches das Gründen der Maste erschwerte.

 

 

 

 

 

 

Kampfmittelsondierung mit Fund von “Anomalie”

Foto: DB InfraGO AG
Ein Zweiwegebagger samt Bohrgestänge bohrt die Löcher für die Kampfmittelsondierung.
Kampfmittelsondierung. Ein Zweiwegebagger samt Bohrgestänge bohrt in schwerstzugänglichem Gelände die Löcher für die Sondierung.

Im Erdreich schlummern noch immer Relikte der deutschen Vergangenheit. Dazu gehören Blindgänger (nicht detonierte Munition wie Granaten und Bomben). In der Regel findet man bei Kampfmittelsondierungen keine Auffälligkeiten. Schlagen die Geräte aus, redet man von einer Anomalie, der nachgegangen werden muss. Nach aufwendigen Planungen und Vorbereitungen hat sich bei der Öffnung des Verdachtsbereich - zur Überraschung aller Beteiligten – ein metallhaltiges Gestein als Übeltäter erwiesen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: DB InfraGO AG
Bauarbeitende öffnen mit Bagger einen Verdachtspunkt.
Öffnung des Verdachtspunkts der Anomalie durch Bagger.
Foto: DB AG / DB InfraGO
Runder Schacht mit Leiter.
Die Anomalie wurde von der Sonde in einer Tiefe von etwa 5 Meter ausgemacht.
Foto: DB InfraGO AG
Ein Bauarbeiter hält das gefundene metallhaltige Gestein in der Hand.
Der Fund: Ein metallhaltiges Gestein, welches den Einsatz ausgelöst hat.

Schwebendes Grundwasser

Foto: DB InfraGO AG
Hochanstehendes Schichtenwasser in einem ausgehobenen Loch.

Eine weitere Besonderheit der Region ist das hochanstehende Schichtenwasser. Hierbei handelt es sich um aufgestautes Oberflächenwasser, welches auf eine wasserundurchlässige oder wenig wasserdurchlässige Bodenschicht trifft. Die wasserstauende Bodenschicht hindert das Wasser am Versickern in tiefere Schichten. Es wird manchmal auch als schwebendes Grundwasser bezeichnet (Quelle: Wikipedia). Das für Bauwerke oft gefährliche Schichtenwasser hat immensen Einfluss auf Bauarbeiten. Baustelleneinrichtungsflächen und Rampen müssen im Vorfeld mit Stahlplatten und Vlies präpariert werden, um ein Einsinken der Fahrzeuge zu verhindern. Dies minimiert die Zuwegungen und lässt wenig Spielraum hinsichtlich Flexibilität im Bauablauf. Schichtenwasser erschwert zudem Aushubarbeiten. Sobald Baugruben ausgehoben werden, laufen diese in kürzester Zeit mit Wasser voll.

 

 

 

Hagelschäden in Millionenhöhe

Der August 2023 bescherte der Region um Bichl und Kochel vermehrten Starkregen inklusive heftiger Sturmböen. Der Hagel- und Gewittersturm, der Ende August 2023 über den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wütete, hinterließ Schäden in Millionenhöhe. 80% aller Gebäude wurden teils stark beschädigt – wie auch das kulturhistorische Kloster Benediktbeuern. An dessen Westfront wurden alle Fenster durch Hagel und Sturm zerstört sowie der Großteil der Dächer abgedeckt. In unmittelbarer Nähe zum Kloster befand sich auch eine Baustelleneinrichtungsflächen des Projekts. Baufahrzeuge und Geräte, die für die Arbeiten an den Oberleitungen im Einsatz waren, wurden stark beschädigt. Hinzu kamen umgestürzte Bäume sowie verwehte Gegenstände, die behindernd im Baufeld lagen und zu einhergehenden Baumfällarbeiten auf der Strecke geführt haben.

Fotos: Tobias Schliemann
Collage: Autos und Gebäude, die von Hagelkörnern beschädigt wurden sowie Hand mit großen Hagelkörnern.

Storch vor Ort

Foto: DB InfraGO AG
Ein Storchennest auf einem Oberleitungsmast.

Viele Pflanzen- und Tierarten mögen das Klima der Bahnanlagen. Während Eidechsen häufig die Wärme samt Unterschlupfmöglichkeiten des Schotters suchen, haben es sich in Bichl Störche auf zwei Oberleitungsmasten bequem gemacht. Die nassen Wiesen der Region locken mit ausreichend Nahrung in Form von Fröschen und Schlangen. Da es sich bei den langbeinigen Vögeln um eine besonders geschützte Tierart handelt, mussten der Baubetrieb penibel auf die Brunft- und Brützeit der Tiere abgestimmt werden.

Flirrende Hitze

Foto: DB InfraGO AG
Bewachsene Bahnstrecke, welche durch sehr hohe Hitze im Hintergrund unscharf wird.

Laut des EU-Klimawandeldiensts Copernicus, war der Sommer 2023 der mit Abstand heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1940. Auch in der Region rund um Tutzing-Kochel kletterte das Thermometer in den Monaten Juni, Juli und August regelmäßig über die 30° Marke. Um die Arbeiter:innen im Gleis vor den brutalen Temperaturen zu schützen, mussten die Arbeiten des Öfteren in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden verlegt werden.  

 

 

Starkschnee legt den Süden lahm

Foto: DB InfraGO AG
Collage stark zugeschneite Oberleitungen und Gleise.

Die Ski-Region rund um Kochel ist Schnee gewöhnt. Doch die extremen Schneemengen, die Anfang Dezember 2023 vor Ort gemessen wurden, hatten nichts mit einem herkömmlichen Wintereinbruch zu tun. Flug- und Bahnverkehr mussten tagelang eingestellt werden. Andauernde Minustemperaturen führten dazu, dass Räum- oder Baumaschinen nicht eingesetzt werden konnten.  Mit der Schneeschmelze traten andere Probleme auf. Während manche Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten, ver- und behinderte das nur sehr langsam abfließende Wasser das Rangieren der Baufahrzeuge. Diese steckten häufig fest und mussten regelmäßig durch schweres Gerät befreit werden.  

 

 

 

 

 

 

 

Restarbeiten

Foto: DB InfraGO AG
Collage, in der Fachpersonal an Oberleitungen und Masten arbeitet.

Der äußerst anspruchsvolle Baugrund sowie das unbeständige Wetter mit Extremwetterereignissen hat dazu geführt, dass die Inbetriebnahme der Strecke zwar stattfinden – jedoch nicht alle Arbeiten durchgeführt werden konnten.

Folgende Restarbeiten auf der Strecke Tutzing–Kochel stehen noch aus:

  • Rückbau der alten Fundamente von Oberleitungsmasten
  • Fertigstellung von zwei Kabelbrücken
  • Fertigstellung eines Kabeltrogs
  • Ersatzhabitat des Storchen-Horsts

 

Foto: DB InfraGO AG
Collage mit verschiedenen Aufnahmen einer Oberleitung, darunter Masten, Verbindungsstelen und Leitungen.

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